Unternehmer sein lernt man nicht in der Schule

Lernfähig aber unbelehrbar
wie Erwachsene lernen

oder: Erwachsene lernen anders

Uns Menschen zeichnet als Spezies besonders unsere ungeheure Lern- und damit auch Anpassungsfähigkeit aus, genauso wie den Geparden seine Schnelligkeit oder den Hund seine gute Nase. Wer als Coach oder Trainer die Lernprozesse von anstoßen und fördern möchte, der merkt schnell, dass man im Erwachsenenalter anders lernt, als man das noch von seiner Schulzeit her gewohnt ist. Der Erwachsenenpädagoge Prof. Horst Siebert bezeichnet erwachsene Menschen daher als „lernfähig, aber unbelehrbar“.

Hiermit ist gemeint, dass Lern-  und Entwicklungsprozesse von Erwachsenen größtenteils durch Überlagerung und Anschlusslernen gekennzeichnet sind. Unter Überlagerung ist zu verstehen, dass sich...

  • die individuelle charakterliche Grundstruktur mit ihrer verfügbaren ‚Gefühlspalette‘,
  • ihren Wertvorstellungen sowie
  • den persönlichen Motivationen und Zielen

...schon in frühester Kindheit ausprägt. Man spricht hier von ‚habituellen Basisstrukturen‘, die grundlegend unsere Deutungsmuster bestimmen, welche wiederum unsere individuelle Identität konstruieren.

Daher können sich unsere Überzeugungen, Blockaden und Problemlösungsstrategien nur begrenzt verändern. Die geschieht im späteren Lebenslauf meist nur in tiefgreifenden Identitätskrisen. „Die Kindheit hinterlässt wortwörtlich „Spuren“; es bilden sich relativ früh sensorische und mentale „Strukturen“, die das Lernen im Lebenslauf prägen.“ (Siebert & Seidel, Lernen im Lebenslauf, 2011, S. 47)

Spätere Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen werden mit dem früh entwickelten Weltbild abgeglichen und das Gehirn entscheidet, welche es integriert und welche es ablehnt. Max Frisch sprach davon, dass Erwachsene keine unbeschriebenen Blätter sind. Während Kinder noch schnell und einfach neue Neuronenbahnen ausprägen können (und müssen), überprüft das Gehirn eines erwachsenen Menschen das zu Lernende auf Anschlussfähigkeit zu seinen schon ausgebildeten Deutungsmustern, also seiner Sicht der Welt. Wenn das Neue dabei besonders viele Anschlussmöglichkeiten zu schon Vorhandenem findet, also in das Weltbild und zu dem Erfahrungshorizont eines Erwachsenen passt, verläuft der Lernprozess schneller. Dieses Verfahren lässt sich gut analog der Suchmaschine Google beschreiben, die in einem anderen vernetzten System, dem Worldwide Web, agiert. Je mehr schon vorhandene und gut besuchte Websites auf eine neu erstellte Website verweisen bzw. sich mit ihr verlinken (anschließen), desto höher wird diese Website im Google-Ranking steigen.

Was also anschlussfähig und damit gut lernbar ist, hängt von der Historie, also der menschlichen Biografie ab, da sie Deutungsmuster (im Sinne von Weltbildern) des Menschen konstituiert. Diese Deutungsmuster, vergleichbar mit Rastern im Gehirn, bilden den Rahmen für die Identität. Aus diesem Grund können Menschen Deutungsmuster auch nicht einfach aufgeben, ohne Bestandteile ihrer Identität aufzugeben (vgl. Arnold, Porträts und Konzeptionen zur Erwachsenenbildung, 2010, S. 146). Das menschliche Gehirn lernt also zu seinen eigenen Bedingungen und in Abhängigkeit davon, wie gut Anschlusslernen im Einzelfall funktionieren kann. Daher gilt es, die vielfältigen Aneignungslogiken der Lernenden zu akzeptieren und deren Aneignungsaktivitäten im Sinne einer aktiven Selbstkonstruktion des Lernens zu fördern. Beispiele für Anschlusslernen kennt man aus dem Bilden von „Eselsbrücken“ oder auch vom Vokabellernen. Wer beispielsweise in der Schule einmal Latein gelernt hat, dem fällt es meist leichter, spanische oder italienische Vokabeln zu lernen, die sich zu einem großen Teil aus lateinischen Wortstämmen herleiten lassen. Diese neuen Vokabeln sind also nicht gänzlich neu, sondern gut anschlussfähig.

Dabei kann man das Lernen im Erwachsenenalter vorwiegend auch als einen „innerer Monolog“ bezeichnen. Monolog ist als einseitiges Senden von Information im Sinne eines Redeflusses ohne aktiven Dialog mit einem Gesprächspartner zu verstehen. Das Gehirn als unser wichtigstes Lernorgan funktioniert aus sich selbst heraus nach seiner eigenen individuellen Logik, operational geschlossen und selbst organisiert. Auch wenn Einflüsse von außen auf uns einströmen, beispielsweise in einem Gespräch mit einer anderen Person, entsteht streng genommen kein wirklicher Dialog. Die selbstreferenziellen Gehirne jedes Gesprächspartners konstruieren sich ihre Informationen selbst auf Basis ihrer Deutungsmuster. Kurz gesagt wird die Information nicht beim Sender, sondern erst beim Empfänger einer Nachricht gemacht. – Für viele Trainer oder Berater erst mal eine erschreckende These. Einflussnahme von außen auf den inneren Monolog ist demnach nur indirekt möglich, Gehirne mit ihren ausgeprägten Deutungsmustern können von außen maximal inspiriert oder verstört werden. Durch diese Irritationen werden für den inneren Monolog allerdings neue Möglichkeiten des Wahrnehmens, Denkens und Handelns erschlossen. Wir erfinden also unsere Welt und schreiben diese selbsterdichtete Geschichte mit unserer individuellen Handschrift beständig in unserer eigenen Welt-Chronik weiter. Dies kann man als Kommunikationsprozess innerhalb des neuronalen Netzwerkes interpretieren. „Das Gehirn als geschlossenes System kommuniziert vorwiegend mit sich selbst, sodass Lernen prinzipiell selbst gesteuert wird. (…) Lernen ist somit keine Abbildung äußerer Wirklichkeiten, sondern die neuronale Erzeugung von subjektiven und individuell spezifischen Welten.“ (Siebert, Lernstile und Lernschwierigkeiten, 2011, S. 9)

„ Es ist nicht genug zu wissen-
Man muss auch anwenden.
Es ist nicht genug zu wollen-
Man muss auch tun.“ W. J. Goethe

Vertiefende Inhalte, Methoden und Übungen bietet Ihnen das Seminar:

„Abenteuer Beratung &Training
Methodik für Coaching, Lehre und Lernen“

zurück